Wer zu spät lobbyiert, hat schon verloren: Drei Mythen über politischen Einfluss in Österreich

Wer zu spät lobbyiert, hat schon verloren: Drei Mythen über politischen Einfluss in Österreich

von Peter Köppl | Sep. 2026

Politische und gesetzgeberische Entscheidungen zu beeinflussen, ist ein Thema, um das nach wie vor viel Geheimniskrämerei betrieben wird. Schnell fallen Begriffe wie „Hinterzimmer“, „Einflussnahme“ – oder gleich „Skandal“.

Dabei ist Interessenvertretung etwas grundsätzlich anderes: ein wesentliches Element einer liberalen und offenen Demokratie. Denn wer von politischen Entscheidungen und gesetzlichen Regelungen betroffen ist, muss die Möglichkeit haben, seine Interessen, sein Wissen und seine Perspektive in den politischen Willensbildungsprozess einzubringen.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Einfluss genommen wird. Sondern: Wer kann wann und unter welchen Bedingungen Einfluss nehmen?

Genau darüber habe ich bei der Diskussionsveranstaltung „Das Handwerk der Einflussnahme“ auf Einladung von CERHA HEMPEL und Codara gesprochen. Meine Aufgabe war es, die Realität von Lobbying und politischer Interessenvertretung in Österreich kritisch zu beleuchten.

Ich habe das anhand von drei Mythen getan.

Mythos 1: Der Weg eines Gesetzes ist transparent – und jede:r kann sich jederzeit einbringen

Auf dem Papier stimmt das teilweise. In der politischen Realität ist die Sache komplizierter.

Wer politische oder legislative Prozesse wirksam beeinflussen möchte, muss weit mehr kennen als das formale Gesetzgebungsverfahren. Entscheidend ist das Wissen darüber, wann ein Thema tatsächlich verhandelt wird, wo Entscheidungen vorbereitet werden, wer daran beteiligt ist und zu welchem Zeitpunkt Positionen noch veränderbar sind.

Dafür braucht es detailliertes Wissen über Prozesse, Institutionen, Personen und informelle Abläufe.

Denn wenn ein Gesetzesentwurf öffentlich vorliegt und die parlamentarische Behandlung beginnt, ist ein erheblicher Teil der politischen Willensbildung häufig bereits erfolgt.

Für professionelle Interessenvertretung bedeutet das: Wer erst reagiert, wenn ein Gesetz auf dem Tisch liegt, ist oft zu spät.

Public Affairs beginnt lange vor der Begutachtung.

Mythos 2: Alle Stakeholder haben die gleichen Zugangsmöglichkeiten

Auch das entspricht nicht der politischen Realität Österreichs.

Vereinfacht gesagt existiert bei den Möglichkeiten zur politischen Mitwirkung eine Art Drei-Klassen-Gesellschaft.

Die erste Klasse besteht exklusiv aus den Sozialpartnerorganisationen. Sie sind institutionell besonders stark verankert und werden in politische und fachliche Entscheidungsprozesse immer und frühzeitig eingebunden. Sie sind de facto Teil jeder Entscheidungsfindung.

Zur zweiten Klasse zählen weitere Kammern und Interessenvertretungen mit Pflichtmitgliedschaft. Auch sie verfügen über etablierte institutionelle Zugänge und Einflussmöglichkeiten, die für Außenstehende nicht immer sichtbar sind.

Und dann gibt es eine große dritte Gruppe: Tausende Unternehmen, Hunderte freiwillige Verbände, NGOs sowie interessierte Bürger:innen.

Sie verfügen nicht automatisch über dieselben Zugänge. Sie müssen wesentlich aktiver daran arbeiten, relevante Entwicklungen frühzeitig zu erkennen, ihre Positionen politisch anschlussfähig zu formulieren und bei den richtigen Stakeholdern zum richtigen Zeitpunkt Gehör zu finden.

Formal kann sich also vieles offen darstellen. Politischer Zugang ist deshalb noch lange nicht gleich verteilt.

Genau hier liegt eine wesentliche Aufgabe professioneller Public Affairs: politische Prozesse zu verstehen und legitimen Interessen einen wirksamen Zugang zur politischen Entscheidungsfindung zu ermöglichen.

Mythos 3: Gesetze entstehen im Parlament

Auch diese Vorstellung greift zu kurz.

Das Parlament ist selbstverständlich der Ort, an dem Gesetze beschlossen werden. Die politische und fachliche Entstehung der allermeisten Gesetze beginnt jedoch wesentlich früher und nicht im Parlament.

Ein großer Teil der Gesetzgebung erreicht den Nationalrat als Regierungsvorlage. Damit haben Ministerien, Regierung und die dort stattfindenden politischen Abstimmungsprozesse bereits wesentliche Entscheidungen getroffen, bevor die parlamentarische Phase beginnt.

Ab dem parlamentarischen Verfahren steigt zwar die öffentliche Transparenz erheblich. Der politische Gestaltungsspielraum wird aber drastisch kleiner.

Ausnahmen bestätigen die Regel – etwa bei Materien, für die Verfassungsmehrheiten und damit zusätzliche politische Partner erforderlich sind.

Für Unternehmen und Verbände folgt daraus eine einfache Konsequenz:

Wer Gesetzgebung beeinflussen möchte, kann in Österreich nicht erst auf Ebene des Parlaments beginnen.

Er muss verstehen, wo eine politische Entscheidung tatsächlich entsteht.

Influence is about timing

Diese Frage nach dem richtigen Zeitpunkt zog sich auch durch die gesamte Veranstaltung.

Hans Kristoferitsch, Partner bei CERHA HEMPEL, zeigte, unter welchen zeitlichen und budgetären Rahmenbedingungen Gesetzgebung heute entsteht.

Bernhard Landrichter, CEO von Codara, demonstrierte anhand des Legislative Radar, wie technologische Lösungen dabei helfen könnten, politische und legislative Entwicklungen frühzeitig zu identifizieren.

In der abschließenden Diskussion mit Charlott Gottsauner-Wolf von Wiener Stadtwerke GmbH, Michael Wacha von CONSULTING AG und mir für Mastermind Public Affairs Consulting stand deshalb eine zentrale Frage im Mittelpunkt: Wie viel Einfluss ist tatsächlich möglich?

Moderiert wurde die Diskussion von Karin Schmollgruber von Codara.

Meine Antwort darauf lautet: durchaus viel – wenn man versteht, wie das politische System in Österreich funktioniert, früh genug handelt und Interessenvertretung nicht mit kurzfristiger Intervention verwechselt.

Public Affairs ist kein politisches Reparatur-Instrument

Professionelles Lobbying besteht nicht darin, kurz vor einer Abstimmung noch schnell einen Termin mit einem politischen Entscheidungsträger zu organisieren.

Wirksame Public Affairs sind langfristiges Management.

Es geht darum, politische Entwicklungen frühzeitig zu erkennen, Handlungsfenster zu identifizieren, Stakeholder und ihre Interessen zu verstehen, die eigene Position belastbar zu entwickeln und Beziehungen aufzubauen, bevor sie dringend benötigt werden.

Oder anders formuliert:

Act rather than react.

Denn politische Einflussnahme ist kein einzelner Termin. Sie ist ein Prozess.

Und wer erst beginnt, wenn die politische Entscheidung bereits sichtbar geworden ist, hat einen wesentlichen Teil seines Handlungsspielraums meist schon verschenkt.

Photo Credits: CERHA HEMPEL / Stefan Reichmann; Martin Stradal-Angelo

Politische Entwicklungen früher erkennen: der Mastermind Monthly

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Wie früh ist Ihr Unternehmen politisch handlungsfähig?

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Marco Redolfi, BSc (WU), M.A.I.S.

Senior Consultant

After gaining professional experience in the private and public sectors, the Salzburg native has found his professional home in the field of public affairs. His bachelor’s degree in international business administration at the Vienna University of Economics and Business Administration and his master’s degree in international studies at the Diplomatic Academy of Vienna form his academic background. Most recently, he was responsible for communications, PR and lobbying for a global FMCG group and has been looking after clients from various industries for Mastermind since 2021.

Marco Redolfi is a passionate amateur chef and delights his partner, his friends and above all his daughter.

Nico Stella, MIM

Partner & Senior Consultant

After several years in the public affairs sector, the Viennese has joined the Mastermind team as a consultant in 2019. His studies – political science and management in Vienna & Salzburg – have prepared him for working at the interface between politics and business.

During stays abroad in London, St. Gallen, Brussels and the USA, he has acquired a view beyond the Austrian horizon. Away from work, he is often drawn to hiking and skiing in the mountains and traveling abroad.

Bernhard Zink-Spiel M.A. M.A.

Partner & Senior Consultant

After working in the insurance industry for several years, the trained insurance salesman completed a degree in political science with a focus on state and government activities, political communication and the EU at the University of Vienna and also specialized in public affairs as part of his postgraduate master’s degree in public communication at the University of Vienna.

During his studies, he worked in political and public relations for the Austrian embassy in Berlin and in corporate and public affairs for an international group. Having joined Mastermind in 2015, the native Styrian advises clients from a wide range of industries. The father of two devotes his free time to his family, traveling and sports.

Mag. Martin Stradal-Angelo

Partner & Senior Advisor

Martin Stradal-Angelo has several years of experience as a consultant in the field of lobbying and public affairs. He was already a senior consultant in his past professional career and previously acted as press spokesman and PR officer for the Vienna University of Economics and Business.

The passionate drummer and bassist worked in the press and media team of the Federal Chancellery during the Austrian EU Council Presidency in 2006. He also gained political communication experience in the campaigns for the “Year of Remembrance and Jubilee” in 2005, EU enlargement in 2004 and the introduction of the euro in 2002. He studied commercial science, plays volleyball and is the father of two children.

Christina Fehrmann, Bakk. phil.

Managing Partner

The HAK graduate from Styria gained professional experience in a law firm and another public affairs agency. She studied journalism and communication sciences at the University of Vienna and has been a keen swimmer and diver for many years.

Dr. Peter Köppl M.A.

Managing Partner

Peter Köppl is one of Austria’s leading public affairs experts with professional experience as a journalist, PR consultant, press spokesman and lobbying manager in industrial companies, chambers, associations and agencies. Peter Köppl is President of the Österreichischen Public Affairs Vereinigung, Mitglied der Strategic Communitiyas well as a specialist author and lecturer. The communication scientist and political scientist (University of Vienna) completed the Graduate School of Political Management in Washington, D.C. in the “Lobbying & Public Affairs” department and the Executive Program “Strategy Beyond Markets” at the Stanford Business School. His passions outside of work include skiing, reading and music.